Stunde atemberaubender Erinnerung

Freie Presse - Plauener Zeitung (09./10.10.2010)

Rund 1000 Zuhörer erleben Festkonzert in der Plauener Johanniskirche zur Einweihung des Wendedenkmals - Lang anhaltender Applaus

Festkonzert in Johanniskirche
Festkonzert in Johanniskirche
Foto: Ellen Liebner

Das Festkonzert anlässlich der Einweihung des Wendedenkmals fand in einer restlos gefüllten Johanniskirche statt.

Plauen. - Es gibt Schöpfungen der Kunst, denen vermag die Zeit nichts anzuhaben. Im Gegenteil: Mit jedem Jahr, das ins Land geht, scheinen sie uns mehr zu bedeuten. Donnerstagabend in der Plauener Johanniskirche war mit Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125 mit Friedrich Schillers „Ode an die Freude” ein solches Werk zu erleben. Bei Stellen wie den zart bebend aus der Tiefe kommenden Versen „Brüder - überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen” glitzerten reihenweise Tränen. Das Konzert in der restlos gefüllten Kirche krönte die festliche Einweihung des Plauener Wendedenkmals, zu der sich eine gute Stunde davor viele Menschen aus nah und fern versammelt hatten - in Erinnerung an den 7. Oktober vor 21 Jahren, an das Glück dieses Tages, an den guten Stern, der letztlich über allem stand, und vielleicht auch an einen Höchsten da droben, der darauf sah, dass die Revolution friedlich blieb.

Die Aufführung der „Neunten”, die am Donnerstag gut 1000 Zuhörer hatte, verdankt sicher diesem Hintergrund einen guten Teil ihrer eminenten Wirkung. Darüber hinaus offenbarte sich aber auch eine in Westsachsen und Ostthüringen über Jahrzehnte gewachsene Musikkultur, bei deren Würdigung man nicht weiß, wo man anfangen und wo man aufhören soll. Die mit fast 70 Musikerinnen und Musikern antretende Vogtland Philharmonie bot unter Generalmusikdirektor Stefan Fraas, der dem Klangkörper seit dem Gründungsjahr 1992 als Intendant und Dirigent aufs engste verbunden ist, eine wohltuend ausgewogene Interpretation der gut 70 Minuten dauernden Sinfonie. Da kamen die Ecken und Kanten des Stücks, sein revolutionärer Geist jederzeit kraftvoll heraus. Andererseits strahlte und wärmte diese Musik auch oft, bekam - so beim Ausklang des Adagios - etwas Singendes, Schwingendes, Atemberaubendes.

War bei den rein instrumentalen Sätzen ein souveräner, sein Orchester aus dem Effeff kennender Fraas zu sehen, wandelte sich der Mann im vierten Satz zum mit allen Wassern gewaschenen Chordirigenten, der jede Silbe mitsang, heikle Intervalle mit Haut und Haar meistern half und vor allem die gut 150 Sängerinnen und Sänger des Chors des Theaters Plauen-Zwickau sowie der Singakademien Plauen und Chemnitz stets spüren ließ, was sie können und welche Freude es macht, mit ihnen zu musizieren.

Im ausgeglichen besetzten Solistenquartett fand sich neben Ursula Ruperti (Sopran), Sonja Koppelhuber (Alt) und Heiko Börner (Tenor) mit Joachim Goltz auch ein exzellenter Bariton, der das gefürchtete Bass-Solo zum Erlebnis werden ließ. So gelang ein harmonisches, mitreißendes Finale, dem man kaum seine so schwer zu meisternde Kleinteiligkeit anhörte, das sicher hier und da vielleicht etwas laut und grell geriet. Aber alles unter einen Hut zu bringen, ist bei Beethovens Monumentalwerk wohl noch niemand gelungen.

Der lang anhaltende Applaus im Stehen am Ende galt auch Matthias Eisenberg. Der Virtuose, der oft Gast in der Johanniskirche war, hatte das Konzert mit furiosen Orgelklängen - er spielte Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge Es-Dur BWV 552-eröffnet.

von Volker Müller

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